Liebe Leserinnen und Leser,
die AMD-Aktie kennt derzeit kaum ein Halten. Nach einer mehrwöchigen Konsolidierung geht es seit Anfang September wieder dynamisch nach oben. Am Montag schoss der Kurs um fast 10 Prozent nach oben und überstieg die Marke von 600 US-Dollar. Damit erreicht der Chipkonzern erstmals eine Börsenbewertung von mehr als einer Billion Dollar. Doch was steckt hinter dem neuen Rekord – und wie weit kann die Rally noch laufen?
KI-Agenten sorgen für CPU-Renaissance
Die jüngste Neubewertung beschränkt sich längst nicht mehr auf AMDs KI-Beschleuniger. Mit dem Siegeszug sogenannter KI-Agenten rücken auch die Server-CPUs des Konzerns stärker in den Fokus. Denn autonome KI-Anwendungen benötigen neben GPUs erhebliche CPU-Ressourcen für Inferenz, Datenbanken und laufende Hintergrundprozesse.
Das zeigt sich bereits im Zahlenwerk: Im zweiten Quartal schnellte der Datacenter-Umsatz um 107 Prozent auf 6,7 Milliarden Dollar nach oben und machte damit 58 Prozent des Konzernumsatzes aus. AMD erwartet für die zweite Jahreshälfte eine weitere Beschleunigung. Interessant wird es diesbezüglich Anfang November, wenn der Nvidia-Rivale seine mit Spannung erwarteten Q3-Zahlen vorlegt.
Pricing Power trifft auf Analysten-Euphorie
Zusätzlichen Rückenwind liefert die wachsende Preissetzungsmacht. AMD soll Kunden über Preiserhöhungen bei bestimmten KI-Chips informiert haben. Können diese höheren Preise am Markt durchgesetzt werden, eröffnet das zusätzliches Margenpotenzial.
Die Wall Street zeigt sich entsprechend zuversichtlich. CLSA hob das Kursziel im September auf 710 Dollar an, Piper Sandler bestätigte seine positive Einstufung mit Zielwert 600 Dollar, während Raymond James AMD auf 641 Dollar hochgestuft hat.
Allerdings ist die Messlatte nach dem jüngsten Kursanstieg hoch. Die Analystenziele müssen nun mit der tatsächlichen Geschäftsentwicklung Schritt halten.
Trump, Xi und der nächste Kurstreiber
Auch geopolitisch scheint sich das Umfeld kurzfristig aufzuhellen. Vor dem für Donnerstag geplanten Treffen von Donald Trump und Xi Jinping in Washington hoffen Anleger auf Fortschritte bei Handel, Zöllen und Technologieregulierung. Ein weniger konfrontativer Kurs könnte insbesondere für US-Chiphersteller neue Fantasie freisetzen. Die Märkte reagieren bereits entsprechend: Am Montag führten AMD und andere Halbleiterwerte die Erholung an.
Bewertung wird zum Prüfstein
Mit mehr als einer Billion Dollar Börsenwert ist AMD allerdings längst kein Geheimtipp mehr. Die Aktie wird mit erheblichen Wachstumserwartungen bewertet. Das ist angesichts des Datacenter-Booms nachvollziehbar, bedeutet aber auch: Enttäuschungen werden künftig deutlich härter bestraft.
Hinzu kommen die bekannten Risiken. Der Wettbewerb im KI-Chipmarkt bleibt intensiv, die Einführung neuer Produkte kann kurzfristig auf die Margen drücken und geopolitische Restriktionen könnten den Zugang zum chinesischen Markt beeinträchtigen. Auch die hohe Abhängigkeit der KI-Investitionen von den großen Cloud-Anbietern bleibt ein Faktor.
Charttechnisch ist der Weg frei
Nach der Konsolidierung hat AMD nun ein starkes Kaufsignal generiert. Der Sprung über 600 Dollar markiert einen neuen Rekord. Oberhalb dieser Zone rücken 622, 700, 715 und 746 Dollar als nächste charttechnische Ziele in den Blick. Ein bullisches Crossover im Wochen-RSI liefert zusätzlichen Rückenwind.
Allerdings ist die Aktie im Tageschart zunehmend überkauft. Eine Verschnaufpause oder ein Rücksetzer wäre daher keine Überraschung.
Mein Fazit
Fundamental spricht vieles für eine Fortsetzung der AMD-Story. KI-Agenten eröffnen dem CPU-Geschäft eine neue Wachstumsdimension, während GPUs, Datacenter und höhere Preise die Ertragskraft treiben. Der Billionen-Dollar-Meilenstein ist deshalb wohl weniger das Ende der Rallye als vielmehr ein weiteres Etappenziel. Doch jetzt muss AMD beweisen, dass das operative Wachstum mit den enorm gestiegenen Erwartungen Schritt halten kann. Gelingt das, bleiben auch Kurse jenseits der 700 Dollar im Bereich des Möglichen.
Beste Grüße,
Ihr Alexander Hirschler