Börsenwoche: Mit dieser US-Aktie auf die Erholung im Softwaresektor setzen?

Liebe Leserinnen und Leser,

nach einer monatelangen Talfahrt hat sich die ServiceNow-Aktie zuletzt wieder deutlich erholen können. Von April-Tief bei 81,24 Dollar ging es zeitweise um mehr als 80 Prozent hinauf auf ein Zwischenhoch bei knapp 140 Dollar. Im Juni hat die Aktie aber wieder spürbar nachgegeben. Handelt es sich dabei nur um eine Zwischenkorrektur oder steckt mehr dahinter?

Starke Zahlen, kleine Schönheitsfehler

Operativ liefert ServiceNow weiterhin ab. Im ersten Quartal stiegen die Umsätze um 22 Prozent auf 3,77 Milliarden US-Dollar. Die Abonnementerlöse legten ebenfalls um 22 Prozent zu, während der Auftragsbestand (RPO) um 25 Prozent auf 27,7 Milliarden Dollar wuchs.

Besonders dynamisch entwickelt sich das KI-Geschäft. Das Produktpaket „Now Assist“ hat inzwischen die Marke von 600 Millionen Dollar beim jährlichen Vertragswert überschritten und soll bis 2026 die Milliardenmarke erreichen. Für das Gesamtjahr stellte das Management Abonnementerlöse von bis zu 15,8 Milliarden Dollar in Aussicht.

Ganz ohne Kritikpunkte verlief die Zahlenvorlage allerdings nicht. Belastend wirkten eine leicht schwächere Bruttomargenprognose, Verzögerungen bei Projekten im Nahen Osten sowie die integrationsbedingten Kosten der jüngsten Übernahmen wie Armis und Moveworks.

Die große KI-Chance heißt Governance

Während viele Softwarekonzerne um den besten KI-Agenten konkurrieren, verfolgt ServiceNow einen anderen Ansatz. Das Unternehmen will die Kontrollinstanz werden, die diese Agenten steuert, überwacht und regelkonform in Unternehmensprozesse integriert.

Herzstück dieser Strategie ist der sogenannte AI Control Tower. Gemeinsam mit Partnern wie Cognizant baut ServiceNow eine Plattform auf, die Compliance, Sicherheit und Transparenz für KI-Anwendungen automatisiert. Für Unternehmen könnte genau diese Governance-Schicht zum entscheidenden Baustein werden, wenn KI-Agenten künftig über Abteilungen, Systeme und Datenquellen hinweg arbeiten.

Die Strategie scheint aufzugehen: Bereits 85 Prozent der Fortune-500-Unternehmen nutzen die Plattform. Gleichzeitig gewinnt das hybride Preismodell an Bedeutung, das stärker an der tatsächlichen Nutzung von KI-Funktionen orientiert ist und zusätzliche Umsatzpotenziale eröffnet.

Der Juni wird zum Praxistest

Nach den Ankündigungen auf der Hausmesse „Knowledge 2026“ rückt nun die Umsetzung in den Fokus. Noch im Juni sollen die ersten spezialisierten KI-Agenten für IT-Prozesse produktiv verfügbar werden. Weitere Lösungen für Sicherheits- und Risikoanwendungen folgen im Jahresverlauf.

Damit beginnt die entscheidende Phase für die Investmentstory. Anleger wollen nun konkrete Belege dafür sehen, dass die neuen KI-Produkte nicht nur technologisch überzeugen, sondern auch die Umsätze nachhaltig beschleunigen können.

Das Gap ist geschlossen

Aus charttechnischer Sicht bleibt die Lage spannend. Nach der starken Erholung der vergangenen Wochen scheiterte die Aktie zunächst an ihrer 200-Tage-Linie und drehte wieder nach unten ab. Im Zuge der jüngsten Korrektur wurde zudem das offene Gap von Ende Mai geschlossen – ein Vorgang, den viele technische Analysten als Bereinigung einer zuvor überhitzten Bewegung interpretieren.

Positiv ist, dass der kurzfristige Aufwärtstrend bislang intakt bleibt. Die aktuelle Konsolidierung könnte damit die Grundlage für einen neuen Anlauf auf die 200-Tage-Linie schaffen. Gelingt der Ausbruch über diesen langfristig wichtigen Widerstand, würde sich das charttechnische Bild deutlich aufhellen. Scheitert die Aktie erneut, dürfte die Konsolidierung zunächst anhalten.

Was bedeutet das für die Aktie?

ServiceNow verbindet starke operative Kennzahlen mit einer klaren KI-Strategie. Während viele Wettbewerber vor allem auf immer leistungsfähigere KI-Agenten setzen, konzentriert sich das Unternehmen auf deren Steuerung und Überwachung – ein Markt, der mit zunehmender KI-Nutzung erheblich an Bedeutung gewinnen dürfte.

Die jüngste Korrektur hat einen Teil der Überhitzung aus dem Kurs genommen, ohne die fundamentale Story zu beschädigen. Allerdings bleibt die Bewertung mit einem Forward-KGV von knapp 57 anspruchsvoll. Das bedeutet: Der Markt erwartet weiterhin hohes Wachstum und wenig Raum für Enttäuschungen.

Beste Grüße,

Ihr Alexander Hirschler

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