Liebe Leserinnen und Leser,
Centene gehört zu den größten Krankenversicherern der USA – mit über 47 Milliarden USD Umsatz pro Quartal und einem klaren Fokus auf staatlich finanzierte Programme wie Medicaid und Medicare Advantage. Doch trotz dieser Größenvorteile steht die Aktie aktuell massiv unter Druck. Der Kurs hat sich seit dem Hoch fast halbiert. Der Grund: eine gesenkte Gewinnprognose. Doch der Markt scheint über das Ziel hinauszuschießen – und eröffnet damit eine seltene Einstiegschance.
Buchwert halbiert, aber kein strukturelles Problem
Der aktuelle Aktienkurs liegt bei rund 28 USD – das entspricht lediglich dem 0,5-Fachen des Buchwerts. In einer Branche, in der Buchwerte tatsächlich Substanz haben, ist das extrem ungewöhnlich. Zum Vergleich: Konkurrenten wie UnitedHealth oder Elevance notieren weit über dem Buchwert – bei einem deutlich höheren KGV. Centene hingegen wird mit einem 2025er-KGV von nur 9 bewertet, für 2026 und 2027 sogar mit 4 bis 6.
Diese Diskrepanz ist vor allem auf algorithmisches und panikartiges Verkaufen nach der Prognosekürzung zurückzuführen. Dabei handelt es sich lediglich um eine temporäre Anpassung, ausgelöst durch höhere medizinische Inanspruchnahme und damit einhergehende Anpassungen beim Risikotransfer. Ein klassischer Zyklus in der Versicherungsbranche, der in der Regel durch angepasste Prämien wieder ausbalanciert wird.
Warum der Gewinn 2026 wieder steigen dürfte
Centene hat erklärt, dass es 2026 die Prämien anheben wird, um die gestiegenen Kosten zu kompensieren. Genau das ist bei Krankenversicherern üblich. Die aktuelle Schwächephase resultiert vor allem aus Verzögerungseffekten zwischen Leistungskosten und Beitragseinnahmen. Besonders betroffen ist das staatlich subventionierte Segment in Florida und New York. Hinzu kommt politische Unsicherheit durch potenzielle Medicaid-Kürzungen – doch deren Umsetzung ist frühestens 2027 zu erwarten.
Für 2025 wurde die Gewinnprognose zwar zurückgezogen, doch viele Analysten sehen für das Jahr weiterhin einen Gewinn von mindestens 4 USD je Aktie. Spätestens 2026 soll das EPS wieder auf 6 bis 7 USD steigen – was das derzeitige KGV noch absurder erscheinen lässt.
Management und Marktmechanik
Zwar hat das Management noch keine formellen Kostensenkungsmaßnahmen angekündigt, doch Marktbeobachter erwarten klassische Reaktionen: Sparprogramme, Personalabbau, Effizienzinitiativen. Andere Versicherer wie Elevance oder Humana haben bei ähnlichen Überraschungen genauso reagiert – allerdings ohne jemals auf unter 0,5x Buchwert zu fallen.
Das Signal ist klar: Der Markt preist ein strukturelles Problem ein, wo es nur eine zyklische Anpassung gibt. Genau darin liegt für langfristig orientierte Investoren die Chance.
Die Krux mit der Wahrnehmung
Warum ist die Aktie trotzdem so günstig? Krankenversicherer gelten nicht als spannend. Während Tech-Investoren Milliarden für Umsatzvielfache zahlen, fristet Centene in der Wahrnehmung ein Schattendasein. Dabei ist das Geschäftsmodell simpel, stabil und anpassungsfähig. In den nächsten Quartalen dürften die Prämien steigen, die Marge sich erholen – und damit auch der Aktienkurs.
Langfristig könnten Kursziele zwischen 50 und 70 USD winken – je nachdem, ob sich Centene am Buchwert oder an den KGVs der großen Konkurrenten orientiert. Anleger bekommen aktuell also möglicherweise ein voll funktionierendes Milliardenunternehmen zu einem Preis, der sonst nur bei Insolvenzgefahr gerechtfertigt wäre – die hier aber nicht einmal ansatzweise gegeben ist.
Beste Grüße
Ihr Alexander Hirschler